In Afghanistan endet düsteres Kapitel deutscher Militärgeschichte

Noch Mitte März hatte der Bundestag das Mandat der Bundeswehr für den Einsatz in Afghanistan um ein weiteres Jahr verlängert. Doch nun stellen die USA die Verbündeten vor vollendete Tatsachen: Bis Mitte September ziehen die USA ihre Truppen ab, da bleibt auch der Bundeswehr nichts anderes übrig, als ebenfalls abzuziehen, bereits bis Mitte August. Damit endet nach fast 20 Jahren ein weiteres düsteres Kapitel deutscher Militärgeschichte.

In Afghanistan waren deutsche Soldaten zum ersten Mal nach dem II. Weltkrieg wieder kämpfend  in einen Landkrieg verwickelt. Dass dabei 59 deutsche Soldaten starben, wird oft betont. Dass die Bundeswehr aber auch für den schlimmsten westlichen Angriff auf afghanische Zivilisten während des ganzen Krieges verantwortlich ist, wird meist verschwiegen: Am 4. 9. 2009 bombardierten US-Flugzeuge auf Befehl des deutschen Oberst Klein zwei Tanklaster bei Kundus, in deren Nähe sich zahlreiche Zivilisten aufhielten: 140 von ihnen starben. Wie viele Menschen in den 20 Jahren Krieg in Afghanistan insgesamt starben, ist nicht abschließend bekannt. Das "Afghan War Diary" nennt allein für den Zeitraum von 2004 bis 2009 eine Zahl von über 24.000 getöteten Zivilisten und Kämpfern. Die IPPNW zählte 220,000 Tote zwischen 2001 und 2015.

Der Einsatz der Bundeswehr erfolgte in einem Gemisch aus großzügig interpretierten Mandaten der UNO (Stabilisierung der afghanischen Regierung) und Selbstmandatierungen der NATO. Ziel der USA und der NATO war die Etablierung einer ihnen genehmen Regierung und die Zurückdrängung der Taliban. Dass es dabei nach 9/11 vorrangig um die Verhinderung weiterer Terroraktionen ging,  ist häufig bestritten worden. Ebenso fragwürdig ist das von der Bundeswehr für sich in Anspruch genommene Ziel, der afghanischen Bevölkerung mehr Demokratie zu bringen. Im Focus stand wohl immer die Tatsache, dass Afghanistan ein strategisch äußerst wichtiges Land zwischen Europa und Asien ist, in dem die USA und die NATO ihren Einfluss sichern wollten

Nach 20 Jahren bleibt die Erkenntnis, dass es den technisch und militärisch weit überlegenen NATO-Truppen nicht gelungen ist, die Taliban abschließend zu besiegen und das Land zu befrieden. Dies zeichnete sich jedoch schon frühzeitig ab. Bereits 2011 erschien den USA der Preis für diesen Krieg zu hoch und sie zogen sich aus der aktiven Kriegsführung zurück. Dies sollte die afghanische Armee übernehmen, für die der Westen militärische Hilfestellung leistete. Jetzt ist auch dieser Ansatz gescheitert.

Aus der Friedensbewegung und von den Hilfsorganisationen hat es immer wieder Vorschläge gegeben, den Konflikt frühzeitig zu beenden. In einem Reader der DFG-VK aus dem Jahre 2008 befindet sich u.a. die Stellungnahme von VENRO, einem Zusammenschluss deutscher Entwicklungshilfeorganisationen, die die sofortige Einstellung des Militäreinsatzes forderten, da er gescheitert sei. Stattdessen forderte VENRO die Stärkung der Zivilgesellschaft, den Rückgriff auf traditionelle Formen der Konfliktlösung in Afghanistan (Stammesräte (Jirgas) u.a.) und Hilfen für den Wiederaufbau des Landes. Zu diesem Zeitpunkt waren die Taliban geschwächt und weitgehend außer Landes getrieben, es hätte eine Chance für diesen Weg gegeben. Doch die Bundesregierung hörte nicht auf solche Stimmen, sondern folgte weiter vasallentreu den USA. Heute sind die Taliban wieder in weiten Teilen Afghanistans die bestimmende Kraft und es ist wahrscheinlich, dass sie nach Abzug der westlichen Truppen die Herrschaft in Afghanistan übernehmen werden.

"Deutschland wird am Hindukusch veteidigt": Dieser Satz des deutschen Verteidigungsministers Peter Struck zu Beginn des Krieges hat sich als propagandistischer Trick und Lüge herausgestellt. Der Kriegseinsatz hat Terror in Deutschland nicht verhindert sondern mit dazu beigetragen, dass unser Land ins Visier von Attentätern geriet. Doch der Spruch hat ereicht, dass in der Öffentlichkeit nicht wirklich gefragt wurde, was die deutsche Verteidigungsarmee denn in Afghanistan zu suchen hat oder inzwischen in Mali. Und wenn die aktuelle Militärministerin Kramp-Karrenbauer deutsche Kriegsschiffe in den indischen Ozeam schickt, wird dies nur am Rande hinterfragt. Mit Afghanistan ist Deutschland wieder in den Kreis der kriegführenden Mächte zurückgekehrt. Aktuell streben interessierte Kreise quer durch verschiedene Parteien an, mit dem angeblichen von der NATO vorgegebenen 2%-Ziel Deutschland zum Land mit den höchsten Militärausgaben in Westeuropa zu machen. Da kann man den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan natürlich nicht als das kennzeichnen, was er von Anfang an war: Ein machtpolitisch motivierter Kriegseinsatz. Bezahlt haben dafür die toten Bundeswehrsoldaten und die Menschen in Afghanistan, die 20 Jahre Krieg erleiden mußten.

Medien:

"Die Leere nach dem Schuss", Der Freitag, 24.04.2021

Neue Belege für westliche Kriegsverbrechen in Afghanistan überschatten Debatte um schnelleren Truppenabzug., Pressenza, 25.11.2020

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